LAGTour6

Kultur jenseits der Städtekette

Knapp 50 Akteure aus Kultur, Politik und Verwaltung diskutierten im MEINE-KULTUR-FORUM der LAG Soziokultur am 24. Juni in der Kunsthalle Arnstadt über Kulturarbeit in den kleinen und mittelgroßen Städten in Thüringen. Vor dem Hintergrund knapper werdender kommunaler Kassen, der bevorstehenden Gemeinde- und Gebietsreform und des ebenso in Planung befindlichen Thüringer Kulturfördergesetzes erarbeiteten die Teilnehmenden Bedingungen für eine gelingende Kulturarbeit jenseits der Thüringer Städtekette.

Olaf Martin, Geschäftsführer des Landschaftsverbandes Südniedersachsen e. V. aus Göttingen plädierte in seinem Einführungsvortrag für eine konsequente Kommunalisierung der Kulturförderung, um die kulturellen Netze in den Städten und Gemeinden dauerhaft zu stabilisieren. Unter der Moderation des Kulturjournalisten Michael Plote unterstrichen die Teilnehmenden im anschließenden Kulturraumgespräch die Bedeutung von kleineren Kulturvereinen und Initiativen für die Entwicklung der Gemeinwesen. Gleichzeitig bedürfe es eines intensiveren Austausches zwischen Kulturmachern, Verwaltung und Politik sowie eines Abbaus bürokratischer Hürden, etwa bei der Kulturförderung.

Am Nachmittag  bot ein World Café den Tagungsteilnehmenden die Möglichkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen und Handlungsansätze und Wünsche zu formulieren. Nacheinander in die Rollen von Verwaltung, Politik, Kulturschaffenden und Bürger/innen  zu schlüpfen und von deren Perspektive aus zu argumentieren, war für viele eine ganz neue Erfahrung. So sollten Kulturverwaltungen in erster Linie die kulturelle Entfaltung und Weiterentwicklung aller Kulturakteure ermöglichen. Bürokratische Hürden sollten abgebaut, Antragsverfahren vereinfacht und Ermessensspielräume genutzt werden. Dafür bedürfe es einer Offenheit und einer Wertschätzung  gegenüber den Kulturmachern und ihren Ideen, aber auch einer entsprechenden fachlichen Kompetenz.

Die Kulturpolitik hingegen habe eine „undankbare“ Rolle: es gebe meist keine Kulturlobby in den Kommunen, da wirtschaftliches Denken vorherrsche. Kulturpolitik müsse aber das Interesse und das Bewusstsein für Kultur stärken und Rahmenbedingungen setzen (Förderstrukturen, Zielvorgaben, Kontrolle der Umsetzung). Im Hinblick auf das Kulturfördergesetz müssten die kommunalen Strukturen der Kulturförderung gestärkt werden. Die Akteure der freien Kultur bräuchten eine offene, wertschätzende und kooperative Verwaltung und Politik. Eine Beratungs- und Vermittlungsinstanz zwischen Verwaltung und Akteuren sowie das Vereinfachen von Förderrichtlinien waren dabei zentrale Anliegen. Voraussetzung dafür seien verlässliche Ansprechpartner in Politik und Verwaltung, die die Belange der Akteure ernst nähmen und sich für diese einsetzten. Aber auch unter den Kulturakteuren selbst sei eine Verbesserung von Kommunikation und Abstimmung ein wichtiges Anliegen.

Die Bürger/innen hingegen wünschten sich vor allem ein erreichbares und bezahlbares breites Kulturangebot in ihrer Stadt, mit Raum für Experimente und nicht-kommerzielle Kultur. Sie seien bereit, dafür nicht nur zu bezahlen, sondern sich auch zu engagieren. Um die Angebote besser nutzen zu können, müssten die kommunalen Veranstaltungskalender verbessert und mehr Verbreitungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum geschaffen werden.

Im anschließenden Stadtspaziergang durch Arnstadt wurden u.a. das Alte Spital, die Ateliers am Teich und der Milchhof besucht und Bedingungen und Perspektiven für die kulturelle Nutzung der Einrichtungen diskutiert. Zwischen den Stationen schärften die Spaziergangswissenschaftler von ROCK’N’STROLL den Blick auf die Stadt unter soziologischen, ökologischen und stadtplanerischen Gesichtspunkten. Der Arnstädter Musiker K.C. Kaufmann und die Gruppe Viesematente sorgten an zwei Stationen für besondere musikalische Zwischenspiele. Ein Teil der Besucherinnen und Besucher stiegen anschließend in einen „Fleischer“- Oldtimerbus und gingen auf die MEINE-KULTUR-STÄDTEREISE.

Nach der Sommerpause erscheint eine ausführliche Dokumentation zum diesjährigen MEINE-KULTUR-Projekt.